Happy End für Grimlie

Hallo,

mein Name ist Sigrid.

Nicht mehr lange, und ich werde meinen 50. Geburtstag feiern.
 Ich bin mit Tieren aufgewachsen, und seit 40 Jahren sind „Hund und Katz“ meine ständigen Begleiter.
 Während des Studiums haben meine Katzen und ich ein ganzes Zugabteil besetzt. 
Wenn ich jetzt in die Vergangenheit reise, gehören diese Erinnerungen an nächtliche Zugfahrten durch die nächtliche Winterlandschaft, umgeben von schlafenden Vierbeinern, zu den mächtigsten. Zu den Friedlichen. Stark machenden.



Vor 2 Jahren hat Sindy (Border Collie Mix) ihren 8. Geburtstag gefeiert. Die Zeit schien gekommen zu sein, ihr eine junge Begleitung zu suchen. Einerseits damit sie selbst jung bleibt und andererseits um sie die Erziehung übernehmen zu lassen. Sindy ist nämlich ein wunderbares Mädchen muss man wissen. 

Beim Surfen bin ich über Seiten von Tierschutzvereinigungen gestolpert. Es war wie ein Erwachen.

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Wenn bis zu diesem Moment in meinem Kopf das Schlimmste was einem Tier passieren konnte, das Tierheim war, so wurde ich nun eines Besseren belehrt.
 Oder soll ich sagen: eines Schlimmeren… Ich konnte nicht aufhören. Land um Land. Lager um Lager. Hund um Hund.

 Heute schlafen 5 Hunde und 3 Katzen unter unserem Dach. 
Von meiner gut erzogenen Sindy ist nicht mehr viel übrig. Sie ist jetzt 10 Jahre alt, wiegt 35 kg und springt mich auf Leckerliesuche schon mal von hinten an. Das hat sie sich umgekehrt von Emma abgeguckt. Da ging ein Schuss nach hinten los :-(.
 Und beim Füllen der Näpfe muss ich mitdenken. Wer bekommt was, wann und wieviel. Dann noch die Herztabletten, was für die Knochen, dann was für den Darm usw.


Ich spüre die Ungeduld meiner Vierbeiner, die im Halbkreis um mich sitzen. 
Nein falsch: seit 2 Monaten wuselt zwischen den Wartenden ein winzig kleines aufgeregtes Wesen ohne Manieren und kassiert dafür strafende Blicke der „Großen“. 
Es ist ihr egal. Sie verlässt sich auf ihren Welpenbonus und Ausstrahlung Marke „Zuckerschock“.
Grimlie heißt die Kleine.

image-3Halb so groß wie eine Katze dafür aber mit Ohren bis zum Mond. 
Und nur wenn man genau hinsieht, merkt man, dass sie nur 3 Beine einsetzt. Das vierte kommt nur zufällig zum Einsatz. 
Grimlie kommt aus Rumänien. Genauso wie die 1 Jahr alte Josy, die sofort die Mutterrolle übernommen hat. Josy, die clevere, freche und ungeduldige Josy lässt sich stundenlange an den Ohren ziehen, bebellen und Spielzeug wegnehmen. Lebensbejahende, ansteckende Fröhlichkeit nahe einer Pipi-Küchenrolle beschreibt die Situation sehr treffend.

Man sieht es Grimlie nicht an, dass sie mehrmals operiert wurde und ihr 1,5 kg Leben am seidenen Faden hing. Weggeworfen mit zwei gebrochenen Hinterläufen.


Die Situation in Rumänien muss schrecklich gewesen sein. Wie dem Hund helfen, wo das Geld so knapp und die medizinische Versorgung in Rumänien so mangelhaft ist? Und wo die Zeit und Energie hernehmen, sie nach der Operation zu betreuen ? So viele andere Hunde sind zu versorgen.
Ein Welpe mit mehrfachem Handicap – chancenlos. 
Aber was bedeuten schon Chancen, wen man das Glück hat, auf seinen persönlichen Schutzengel zu treffen ??
Der Schutzengel von Grimlie heißt Elma. Elma auf Besuch im Lager konnte dieses kleine Bündel nicht zurücklassen und tat etwas, was man als professioneller Tierschützer nie tun sollte: sie hat ihr Herz an einen (!) Hund verloren.

Professionelle Tierschützer verlieren ihr Herz portionsweise… Es ist etwas anderes, Zeit und einen Teil des Gehaltes zu spenden als mehrere eigene Monatsgehälter für Operationen (ohne Garantie auf Erfolg und Überleben) zu zahlen. Wo doch so vielen anderen mit diesem Geld geholfen hätte werden können. Man ist hin und her gerissen.
Elma konnte nicht anders. Und so kamen wir überein, dass sie die Operationen in Österreich bezahlt und wir die Funktion der Pflegestelle und nachträglichen Kosten für Therapien übernehmen, sollte Grimlie überhaupt überleben. 
Stundenlange Telefonate, Röntgenunterlagen, Laborbefunde, Gespräche mit Ärzten für Vorabbefunde… abwägen, die Suche nach dem richtigen Zeitpunkt und das alles unter Zeitdruck: ab wann ist es zu spät – und bis wann ist es zu früh? Überlebt ihr angeschlagenes Immunsystem überhaupt den Transport ? 
Und dann ging alles Schlag auf Schlag.

grimlieGrimlie wurde uns ins Haus geliefert. Ausgestattet wie eine kleine Prinzessin. Körbchen, Handtuch aus Rumänien zwecks heimeliger Gerüche, Spielzeug und Säckchen voller Medikamente, medizinische Unterlagen und Photos. Man sah und fühlte, dass liebevolle, mitdenkende Hände ihr Köfferchen gepackt hatten.
Aber das wichtigste Mitbringsel war ihr bezauberndes Wesen. Und ihre Vorliebe für Bärte ☺
Als mein Mann sie hochnahm vergrub sie ihr Schnäutzchen in seinem Bart und fiepste vor Erleichterung endlich was Felliges anzutreffen. Und das war der Moment, in dem klar war, dass alle Absprachen hinfällig waren und dass wir Grimlie nie wieder hergeben würden.



Unverändert hingegen ist der rege Kontakt mit Elma. Kaum ein Tag ohne Photo oder Mail. Jeder noch so kleine Fortschritt will dokumentiert werden. 
Auf den Photos ist zumeist auch Josy zu sehen. Im Rahmen der Nachkontrolle schlagen wir somit zwei Fliegen auf einen Schlag. Und ich freue mich schon, Elma wieder als Gast bei uns begrüßen zu dürfen.

Josy hat seit dem letzten Kontrollbesuch ihr Gewicht verdoppelt und ist nun kastriert und ausgewachsen. 

Während ich diesen viel zu langen Beitrag schreibe, schläft eine müde Grimlie auf meinen Zehen. Ab und an knabbert sie daran und ich muss schmunzeln. Alles ist gut. Ein Gefühl wie damals im Zug.

Niemand kann erwarten, dass das Leben einfach ist. Oder ein Welpe sofort stubenrein. Oder oder…
Aber ich hätte auch nie erwartet, dass mein sonst nur an Computerspielen interessierter Teenager ohne Katze im Arm nicht einschlafen kann oder zugunsten einer weiteren Operation auf ein neues Handy verzichtet oder dass mein Mann seinen Jeep auf der Suche nach einem Hund kommentarlos ruiniert. Nachts aufsteht um nach Spuren im frisch gefallenen Schnee zu suchen. Oder oder…

So viele wunderbare Eigenschaften an den Menschen die ich liebe, die sonst nie erkannt worden wären…

So viel Lachen, das sonst nie erklungen wäre… 

Man ahnt bereits… Grimlie war nicht unser erster Hund aus Rumänien. Und sie ist auch nicht unser letzter!

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